Erbendorf- Nord, Raiffeisen und
die Baywa
Das Material welches mir zur Verfügung steht hat
mich dazu gebracht eine weitere Extraseite nur für das
Raiffeisenlagerhaus in Erbendorf- Nord zu schreiben.
Dabei will ich auch etwas auf die Philosophie von
Raiffeisen und den Unterschied zu der auch bekannten
Baywa eingehen. Die Fotos auf dieser Seite zeigen dagegen
ausschließlich das Erbendorfer Lagerhaus im Nordbahnhof.
Den erstens ist es ein zwar nicht unbedingt schöner,-
aber charakeristischer Zweckbau dieses Bahnhofs der im
Modell sicher ein dominanter Augenfang wäre. Zweitens
gibt es für den Nachbauinteressenten das eine oder
andere Interessante wie z.B. die Ziermalerei am Gebäude.
Drittens hat auch solch ein Lagerhaus auch seine
Geschichte die durchaus eng mit der Bahn verknüpft ist.
Zunächst
ersteinmal etwas zur Geschichte des Landhandels allgemein
:
Im 19. Jahrhundert veränderte sich das Leben der
Menschen durch die vielen technischen Neuerungen.
Binnenschiffahrt und die Verbesserung der Straßen
machten die Überwindung größerer Strecken möglich.
Die Eisenbahn fand als Transportmittel immer größere
Bedeutung. 1847 gab es in Deutschland eine große
Hungersnot. Als Reaktion darauf wurde 1863 das neue
Gewerbegesetz verkündet. Durch dieses Gesetz entstand
die völlige Freiheit des Handels von zünftischen und
polizeilichen Beschränkungen. Der Handel selber änderte
sich. Ursprünglich gab es nur das Geschäft Geld gegen
Ware. Die Landhändler schrieben den Bauern den
Gegenwerte der Ware gut und verzinsten ihn. Zum Teil
geben sie Kredite auf die Ware. Aus einigen
Landhandelsbetrieben wurden so Banken. Im Laufe der Zeit
nahmen viele Landhändler noch andere Waren in ihr
Angebot auf, die die Bauern zur Bestellung ihrer Felder
brauchten. Sie lieferten Saatgut, Düngemittel und
später auch Pflanzenschutzmittel. Oft wurde die
Produktpalette auch um Brennstoffe wie Holz und Kohlen,
Treibstoffe und Maschinen ergänzt. Durch viele
schwierige Zeiten wie den ersten Weltkrig, die
Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre oder die Zeit
des Nationalsozialismus bis 1945 hindurch blieb der
Landhandel ein wichtiger wirtschaftlicher Partner für
die Landwirtschaft.

Die Schienen waren hier schon abgebaut und die
Zukunft dieses Gebäudes war auch schon besiegelt. Man
sieht hier aber schön die Ausmaße des Lagerhauses mit
dem kleineren Vorbau. Bild
freundlichweise zur Verfügung gestellt von Robert
Meissner.
Wie
sich die Zeiten und mit ihnen die Landhändler verändert
haben kann man an der Baywa gut verfolgen. BayWa ist die
mittlerweile eigenständig gebrauchte Abkürzung des
Firmennamens Bayerische Warenvermittlung
(landwirtschaftlicher Genossenschaften) AG mit Sitz in
München. 1923 trennt die Bayerische
ZentralDarlehenskasse aus finanztechnischen
Gründen während der drastischen Inflation das
Warengeschäft vom Geldgeschäft: die Geburtsstunde der
BayWa AG. Aus dem Wettbewerb konkurrierender
Genossenschaften in den zwanziger und dreißiger Jahren
geht die BayWa als wirtschaftlich gestärktes Unternehmen
hervor. Sie trägt zur Entfaltung der Wirtschaft in der
Region bei. In den 50er und 60er Jahren entwickelt und
produziert die Industrie auf Hochtouren: Das deutsche
"Wirtschaftswunder" nimmt seinen Lauf. Für die
Landwirtschaft bedeutet das: Vollmechanisierung und
Produktivitätssteigerung. Die BayWa AG wird zum
Wegbereiter der modernen Landwirtschaft: Der Siegeszug
von Schleppern und Mähdreschern beginnt. In wenigen
Jahren baut sie mehr als 300 Reparaturwerkstätten, rund
3 000 Mechaniker werden als Fachpersonal ausgebildet. Das
Profil des Unternehmens wandelt sich vom Händler zum
qualifizierten Berater. Diesel und Schmierstoffe
ergänzen das Agrarsortiment der BayWa. Die 70er Jahre
bringen eine zunehmende Spezialisierung: Erste BayWa
Märkte werden in der Region eingerichtet. Dazu kommt die
Erweiterung des Baustoffgeschäftes. Die BayWa baut
Tankstellen und Heizöldepots. Tankwagen liefern das
Heizöl bis in die entlegensten Winkel. Heute ist die
Baywa ein Konzern geworden, der weltweit tätig ist. Der
aber auch mal Spott ertragen muß, wie das
BayWa-Lied in der Vergangenheit zeigte :
Das Lied der
Bayern (aus der CD: "Grüss Gott, mein
Bayernland")
der Biermösl BlosnGott mit
dir, du Land der Baywa, deutscher Dünger aus
Phosphat.
Über deinen weiten Fluren liegt Chemie von fruah
bis spaat.
Und so wachsen deine Rüben, so ernährest du die
Sau.
Herrgott, bleib dahoam im Himmi, mir hom
Nitrophoskablau.
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Ausnahmsweise nochmal das Bild von der
Hauptseite, so sah es am Lagerhaus 1988 aus. Die Schienen
am Gleisanschluß waren zwecks befahrbarkeit durch Lkw
geteert worden. Über dem Laderampendach die
Saugvorrichtung für Saatgut und dergleichen die von den
Güterwagen in das Silo im Gebäude gesaugt werden
konnten. Bild freundlicher Weise zur verfügung
gestellt von Volker Blees.
Nun zu den Anfängen der
Raiffeisengenossenschaften :
Friedrich Wilhelm Raiffeisen, mit diesem Namen
ist der moderne Genossenschaftsgedanke untrennbar
verbunden. Einschneidende Umwälzungen in Politik,
Wirtschaft und Verkehr unterwarfen Mitte des vorigen
Jahrhunderts auch die Landwirtschaft einem grundlegenden
Wandel. Hatte man bis dahin mit geringem Aufwand an
Kapital hauptsächlich für den Eigenbedarf
gewirtschaftet, trat nunmehr die Produktion für den
Markt stärker in den Vordergrund. Die Erträge mußten
durch Umstellung der bäuerlichen Betriebe durch
Verwendung besseren Saatgutes, Anwendung von künstlichen
Düngemittel und den vermehrten Einsatz von Maschinen
gesteigert werden. All das kostete Geld, und so war der
mit der Zeit gehende Bauer gezwungen, sich nach
geeigneten Kreditquellen umzusehen.
Friedrich Wilhelm Raiffeisen wurde am 30. März
1818 in Hamm im Westerwald geboren. Mit 24 Jahren
verläßt er den Militärdienst und wechselt in die
Verwaltung. Er wird Bürgermeister in mehreren Orten
unter anderem in Heddersdorf (heute ein Stadtteil von
Neuwied).
Im Hungerjahr 1846/47 gründete Raiffeisen im
Westerwald den ersten genossenschaftlichen Landhandel.
Für die durch Raiffeisen gegründeten
Genossenschaften ist es typisch, daß sie auf ein Dorf
beschränkt sind und ehrenamtlich von einem Dorfbewohner
geleitet werden. Der eigentliche Entwicklungsschub bei
den Genossenschaften setzte erst nach dem Tod von F.
W. Raiffeisen im Jahre 1888 ein. Etwa die Hälfte
aller Gründungen waren Kreditgenossenschaften. Ihnen
folgten die Warengenossenschaften und schließlich die
Produktionsgenossenschaften. Im Jahre 1890 gab es in
Deutschland bereits 3006 landwirtschaftliche
Genossenschaften. Sie entwickelten sich immer mehr zu
einer Genossenschaft, wie man sie heute kennt.
Die Verbindung von landwirtschaftlicher
Genossenschaft und Bank hatte auch den Grund, das
natürlich schwankende wirtschaftliche Ergebnis der
Landwirte auszugleichen, in beide Richtungen, sowohl mit
Krediten als auch mit Sparguthaben. Die örtlichen
Genossenschaften oder Landhändler vermarkteten die
Produkte der Bauern zu einem besseren Preis als ein
einzelner Bauer hätte erzielen können. In manchen Orten
war bis in die 60-er Jahre die Filiale der Raiffeisenbank
im Gebäude des Landhandels untergebracht. Die Wege der
Banken und Landhändler trennten sich aber zunehmend.
Nicht zu vergleichen sind die Landhändler mit den
heutigen Baumärkten - um mit solchen Vergleichen einmal
aufzuräumen, denn das typische für den Landhandel war,
wie der Name schon sagt, Absatz und Bezug, also
Einkauf von Waren für die Bauern und Verkauf
landwirtschaftlicher Produkte der Bauern. Die
einschlägigen Landhandelsfirmen haben heutzutage ihre
Produktpalette zwar deutlich in Richtung Baumarkt
erweitert, vermarkten aber weiterhin landwirtschaftliche
Produkte. Das unterscheidet sie immer noch wesentlich von
Baumärkten.

Zum Fünfzigjährigen Jubiläum der Bahn im Oktober
1959 entstand dieses Bild. Neben der damaligen
Begeisterung für die Lokalbahn, der Dampflok der
Baureihe 70.0 interessiert hier aber eher, das es sich
bei dem Gebäude im Hintergrund um das alte
Raiffeisenlagerhaus handelt, welches 1960 bis auf die
Grundmauern niederbrannte. Bild aus der Sammlung des
Heimatmuseums Erbendorf.
Angefangen hat es in Erbendorf- Nord um 1911,
damals wurde das Gebäude der "Erfa" (Erste
Bayerische Hafernährmittelindustrie) am Nordbahnhof
gebaut - Vorgängerin des Lagerhauses. Das Gebäude
überstand die Kriegsjahre ohne Schäden und wurde
zwischen 1932 und 1960 immer wieder umgebaut und
modernisiert. Im August 1960 brannte das Lagerhaus dann
aber nach einer Art Verpuffung bei Schweißarbeiten bis
auf die Grundmauern nieder. Umgehend plante und baute man
ein neues Lagergebäude, und im Dezember 1961 wurde das
damals hochmoderne neue Lagerhaus eingeweiht. Weitere
Umbaumaßnahmen (Erweiterungen des Fassungsvermögens)
erfolgten bis zum Jahr 1991. Nach der Einstellung des
Güterverkehrs und wohl auch weil der Platz am alten
Standort nicht mehr reichte wurde zum November 2003 ein
neues Lagerhaus an anderer Stelle errichtet und das alte
abgerissen.

Auch diese Variante hat es in Erbendorf- Nord
gegeben. Offenbar reichten die Silokapazitäten nicht
mehr, sodaß man sich zum Bau dieser wuchtigen
Metalltürme entschloss. Ihnen war aber letztlich nur ein
kurzes Zwischenspiel von wenigen Jahren vergönnt. Über
die Schönheit dieser Anlage braucht man eher nicht zu
streiten. Bild freundlichweise zur Verfügung gestellt
von Thomas Sulzer.
Was wurde nun alles hier gelagert, angeliefert
und abtransportiert ?
Generell war und ist die Aufgabe des Landhandels die
zentrale Vermarktung der landwirtschaftlichen Produkte
die in der jeweiligen Region dort angebaut werden, also
z.B. Kartoffeln, Getreide, Obst und Gemüse. Andererseits
die Versorgung der Bauern mit Saatgut, Düngemitteln,
Futtermitteln, Ungeziefer- und Unkrautbekämpfungsmittel,
aber auch Baumaterialien und Werkzeuge. Selbst
Treibstoffe sind ins Angebot aufgenommen worden. Mit der
Industrialisierung der Landwirtschaft erstreckte sich das
Geschäft zunehmend auch auf Landmaschinen (Traktoren,
Hänger, Mähdrescher etc.), sowohl im Verkauf als auch
die Reparatur der Maschinen. Das war wohl der Punkt, bei
dem manche einzelne kleine Raiffeisengenossenschaft das
Geschäft zunehmend an die Baywa (oder in anderen
Ländern die entsprechenden anderen großen Landhändler)
verloren hat, da hier sowohl Fachkräfte als auch
entsprechend ausgestattete Werkstätten erforderlich
waren, die die großen Standorte besser vorhalten
konnten. Dagegen zählten Rüben oder auch Vieh in der
Regel nicht zum Handelsgut des Landhandels. Diese wurden
direkt z.B. an die Zuckerfabriken oder auf Viehmärkten
und an Schlachthäuser verkauft und dorthin
transportiert. Auch Milch wurde eher direkt zu Molkereien
gebracht - auf Kleinbahnen auch früher per Schiene.

Das Raiffeisenlagerhaus 1997 ohne Gleisanschluß und
ohne Stationsgebäude (das lag genau gegenüber dem
Gebäude, hätte also diesen Blick versperrt). Deutlich
wird die Position der Bemalung bzw. Beschriftung und auch
die Gebäudelänge wird hier klar. Ein neuer Anstrich war
seit 1988 auch drin wie man sehen kann.
Bild freundlichweise zur Verfügung gestellt von Robert
Meissner.
Das zur Blütezeit der Eisenbahn diese auch zu
bevorzugten Standorten für die Standpunkte von
Lagerhäusern der verschiedenen Landhändler wurden
versteht sich fast von selber. Das hat sich natürlich
heute gewandelt. Der LKW kam, Streckenstillegungen
folgten, Immer mehr landwirtschaftliche Großbetriebe die
in großen Mengen selber kaufen und verkaufen können und
so wurden manche der alten Lagerhäuser weitgehend
überflüssig. Damals aber wurde in gedeckten und offenen
Güterwagen alles transportiert was es gab. Auf
Niederbordwagen wurden Landmaschinen angefahren. Es gab
spezielle Viehwagen, Tankwagen für Milch, später auch
Selbstentladewagen oder Schwenkdachwagen - für jede
Epoche das entsprechende Gefährt. In der Erntezeit war
das Arbeitsaufkommen oft so hoch, dass am laufenden Band
Trecker mit Anhängern voll zum Lagerhaus hin und leer
wieder herausfuhren. Oft mußten auch die
Bankangestellten einer Raiffeisenbank mitanpacken bzw.
verschwanden die Bankräume unter einer dicken
Staubschicht. Die Entladung des Getreides ging mit
dichten Staubschwaden einher. In den oft großen
Silotürmen wurde Getreide gelagert. Düngemittel kamen
früher zum Teil Sackweise an oder wenn der Bedarf
größer war gleich Waggonweise um dann in separaten
Silos gelagert zu werden. Pflanzkartoffeln und
Futtermittel wurden als Sackware geliefert.

Zugegeben, ein etwas großes Bild, aber vielleicht
interessiert es den Nachbauwilligen ja wie die
Ziermalerei und Aufschrift am Raiffeisenlagerhaus einmal
genau aussah. Sähen und Ernten - Grungbegriffe der
Landwirtschaft im Design der sechziger Jahre. Die
einzelnen (von mir zusammengesetzten) Bilder stammen alle
von Robert Meissner. Übrigens gibt es im Erbendorfer Heimatmuseum einen
wunderbaren Nachbau des Erbendorfer Lagerhauses und der Lokalbahn in Baugröße H0 zu sehen.
Schlußendlich möchte ich noch darauf hinweisen,
das nicht alles was hier geschrieben steht aus meiner
eigenen Feder geflossen ist. Geholfen haben mir
Recherchen bei der Baywa, Raiffeisen, Wikipedia, in den
Google Groups und anderen spezifischen Seiten mit
landwirtschaftlichem Bezug. Ich habe die Texte
umgearbeitet und zusammengefasst. Da es hier der
Information von wissensdurstigen Eisenbahnfreunden dienen
soll, hoffe ich niemand hat etwas dagegen.
Für alle die sich jedoch weiter informieren möchten, gibt es nun ein paar
Linkverweise. Zunächst einmal Seiten der Wikipedia zum Thema:
Wikipedia - Baywa
Wikipedia - Genossenschaft
Wikipedia - Friedrich Wilhelm Raiffeisen
Wikipedia - Speicher (Gebäude)
Wikipedia - Genossenschaftsbank
Ferner gibt es beim Bayrischen Rundfunk eine Radiosendung vom 11.05.2009, aus der Reihe "radioWissen" von Bayern 2 über das Werk des Friedrich Wilhelm Raiffeisen und seiner Idee einer Genossenschaft. Diese Sendung kann man als Podcast auf dem dortigen Portal herunterladen. Sie dauert etwa 21 Miunten und die Datei ist knapp 15 MB groß. Das war es denn nun auch zu diesem Thema von mir ...

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