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Der Bahnhof Nienbergen

Das Bahnhöfe Bahnanlagen sein sollen, die mit mindestens einer Weiche ausgestattet sind und auf denen Züge beginnen, enden oder kreuzen können sollen ist den meisten sicher bekannt. So in etwa zu lesen in der Eisenbahn- Bau und Betriebsordnung. Hier komme ich nun auf eine Station zu sprechen, die in dieser Hinsicht wirklich das Mindestmaß gerade eben so einhält, auf der viele Jahre lang Züge begannen oder endeten und die ihren Ursprung in einer politisch - geschichtlichen Entwicklung hatte die wohl mindestens am 30. Januar 1933 mit der Machtergreifung Hitlers ihren Anfang nahm. Die sich über den Wahnwitz und Größenwahn des tausendjährigen Reiches verhängnisvoll weiter zuspitzte (man denke nur an das gar nicht so weit entfernt liegende KZ Bergen- Belsen), schließlich in einer Zerstörung von ungeahnten Dimensionen ihr trauriges, tödliches aber auch erlösendes Ende nahm und sich über 40 Jahre in einem Neben-, Gegen-; und schließlich Miteinander zweier Machtblöcke manifestierte, deren Produkt eine innerdeutsche Grenze war, von der vor der "Wende" niemand ahnte wie schnell sich diese 1989 auflösen sollte...

Streckenkarte
Streckenkarte 1959

Die innerdeutsche Grenze führte, neben den menschlichen Schicksalen die sie betraf, auch zur Zerschneidung des deutschen Eisenbahnnetzes. Nur wenigen Strecken war es vergönnt wenigstens in geringen Umfang weiter Betrieb über die Grenze hinweg zu erleben. Die meisten jedoch wurden nach dem Krieg mit der Abschottung des Ostblockes und dem Beginn des kalten Krieges einfach durchtrennt. So auch die 1873 eröffnete Strecke Uelzen - Salzwedel. Vor dem Kriege noch eine zweigleisige Hauptstrecke mit erheblicher Bedeutung und mit entsprechendem Reisezug - wie Güterverkehr, auch überegionaler Art (darunter auch die sogenannten "Auswandererzüge" zwischen Berlin und Bremen, daher auch der Name "Amerikalinie") , lief hier schon ab 1946 kein durchgehender Zugverkehr mehr auf dieser Strecke.


Östlich Wieren ist der von Weitem sichtbare Posten 49 besonders auffällig. Das ostwärts gerichtete Foto stammt vom 29. August 1982 und zeigt gut die ländliche Charakteristik der zwischen 1907 und 1951 zweigleisigen Strecke. Foto freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Günter Tscharn.

Trotz Verhandlungen mit der Reichsbahn der DDR und den drei Mächten (USA; Großbritanien, Sojetunion) kam es zu keiner Wiederaufnahme des Verkehrs, obwohl offiziell Einigkeit darüber herrschte das dies Wünschenswert sei. 1945 rollte der letzte Zug zwischen Schnega in Niedersachsen und Bergen (Dumme) in der Altmark; die offizielle Stillegung dieses Teilstückes erfolgte am 10. Dezember 1951. Alsbald baute man die Gleise zwischen Nienbergen und Salzwedel ab.Die damalige Reichsbahndirektion Hannover hatte auf diese Situation recht schnell reagiert und richtete ca. 900m vor der Grenzlinie ab dem 18. Dezember 1945 einen provisorischen Haltepunkt ein um den nicht unerheblichen Verkehr über die damals noch "Grüne Grenze" in legale Bahnen zu lenken.

Bahnhof Nienbergen
Der Bahnhof Nienbergen noch mit seinem Haupt- oder sollte man besser sagen Sicherungssignal direkt
zwischen Bahnsteig und Bahnübergang, in den späten sechziger oder frühen siebziger Jahren. Es handelt sich um das alte Einfahrtsignal des Bahnhofes Bergen. Dahinter gleich Ladegleise mit Gleissperre. Bild mit freundlicher Genehmigung von Ralf - Roman Rossberg.


Die Schilder und Schranken bilden ein ungewöhnliches Ensemble. Das Hauptsignal ist bereits durch eine Trapetztafel ersetzt worden, sehr viel hat sich aber nicht verändert gegenüber dem obigen Bild...
Das Foto stammt vom 29. Juni 1985. Foto freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Günter Tscharn.

Bahnhof Nienbergen
Blick in entgegengesetzter Richtun, nach Schnega, hinter den Bü lag der Behelfsbahnsteig (die Bahnsteigkante ist gerade noch zu sehen). Bild mit freundlicher Genehmigung von Axel Johanßen.

Zum ersten mal in einem Amtlichen Taschenfahrplan der Reichsbahndirektion Hannover vom Dezember 1946 wurde also der Haltepunkt Nienbergen als Bahnstation aufgeführt. Nötig war die Einrichtung dieses Bahnhofes auch, weil die Stadt Bergen (an der Dumme) durch die Grenzziehung Ihren Bahnhof verloren hatte, der nun auf östlicher Seite jenseits der Grenze lag. Dort wurde der Betrieb zunächst weiter aufrecht erhalten bis am 7. Oktober 1951 der Gesamtbetrieb auf dem Abschnitt Salzwedel - Bergen (Dumme) eingestellt wurde und die Gleise anschließend wegen der Grenzsicherungsmaßnahmen der DDR abgebaut wurden. Auf westlicher Seite jedoch wurde weiterhin nach Nienbergen gefahren, sowohl mit Personenzügen wie auch im Güterverkehr. Die Bahnhofsanlagen waren und blieben provisorisch und spartanisch. Der Streckenteil bis Uelzen blieb zunächst zweigleisig erhalten. Das zweite Gleis wurde aber wegen des geringen Verkehrsaufkommens zwischen Wieren und Nienbergen in den Jahren 1951 und 1952 abgebaut. In Nienbergen wurde ein kleiner kurzer Schüttbahnsteig angelegt, nach einem Bahnübergang und einer Weiche folgte auf der ehemaligen Hauptbahntrasse die Verzweigung auf ein zweites Gleis, welches eine Ladestrasse mit einigen landwirtschaftlichen Lagerstätten beherbergte. Ein stets Hp0 zeigendes Hauptsignal sicherte diese beiden Abstellgleise und das Streckenende hart an der Grenze gegen Zugfahrten ab.

Bahnhof Nienbergen
Bahnhof Nienbergen mit den zwei Abstellgleisen. Rechts die Ladestrasse, hinten ein Siloturm.
Blick zur Grenze. Bild mit freundlicher Genehmigung von Axel Johanßen.


Am 13. März 1987 war der Verein Lübecker Verkehrsfreunde mit der 220 007 und einer DoSto-Garnitur als "Altmark-Weser-Express" auf Tour an die Grenze. Am 13. März 1987 ist die 220 007 das Fotomodell in Nienbergen. Foto freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Günter Tscharn .

Bis zum 26. Mai 1974 wurden hier Personenzüge gefahren, danach wurde nur der Güterverkehr per Bahn aufrechterhalten. Wäre die Wiedervereinigung 1990 nicht gekommen, könnte man davon ausgehen das auch diese Bahnlinie heute komplett zurückgebaut wäre. Doch die Ereignisse von 1989 - 1990 machten anderes möglich. Einige wenige Strecke die durch die Grenze unterbrochen waren sollten wiederaufgebaut werden. So auch die Linie Uelzen - Salzwedel, als sogenanntes „Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Nr. 3“. Dies geschah auch in den nächsten Jahren, wenn auch nicht zweigleisig wie ursprünglich geplant sondern nur eingleisig. Am 18. Dezember 1999 wurde die Lücke an der Landesgrenze offiziell in Betrieb genommen. Dabei wurde der Bf. Nienbergen sozusagen links liegen gelassen, auch der alte Bahnhof Bergen wurde nicht wieder eröffnet. Züge zwischen Uelzen und Salzwedel halten heute nur noch in Stederdorf, Wieren, Soltendieck und Schnega. Die beiden letztgenannten Stationen sind 1999 ebenfalls wieder in Betrieb gegangen. Die Strecke hat heute wieder etwas von ihrer früheren Bedeutung zurückgewonnen, wenn auch die Verkehrsleistungen sich nicht ganz so entwickelt haben wie ursprünglich gehofft.


Auf dem Bild am frühlingshaften 6. März 1982 welches vom Siloturm aufgenommen wurde, ist östlich der Verladeanlagen das Ende der ehemals zweigleisigen Amerikalinie unübersehbar. Von den Prellböcken sind es nur noch 800 Meter bis zur Demarkationslinie. Foto freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Günter Tscharn.


Auf dem alten Bahndamm : Etwa 10 Meter vor dem bundesrepublikanischen Warnschild verharrte der Fotograf. Der Wachturm links war mit einer Person besetzt. Im Hintergrund war das Gebäude des Bahnhofs Bergen (Dumme) zu erkennen. Den Bahndamm hatte man auf etwa 100 Meter Länge abgetragen. Und in der Senke stand ein leerer Lastwagen der Grenztruppen. Die Grenzstreife musste also unterwegs sein. Nur eine scheinbare Idylle die dem Fotografen unvergesslich geblieben ist : Sonnenschein, eine unwirkliche Stille ...
Foto freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Günter Tscharn.


Die Ausschnittsvergrößerung, worauf man das alte Bahnhofsgebäude von Bergen a.d. Dumme, aber auch das Patrouillenfahrzeug der DDR Grenztruppen genauer sehen kann. Foto freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Günter Tscharn.

Dieser Bahnhof (sofern man überhaupt von einem solchen sprechen kann) ist ein Kuriosum gewesen, solange er Bestand hatte. Und er dokumentiert eine Epoche der Teilung, die zu manchen Provisorien im Bahnverkehr führten. Dennoch - auch der Betrieb ist nicht ganz uninteressant, siehe auch das Kursbuch von 1953 und 1962 (600 Kb). In den fünfziger Jahren (siehe den Kursbuchauszug 1953) fuhren Eta 178 (mit 2. und 3. Klasse), die in Uelzen stationiert waren, nach Nienbergen. Welche Loks den Güterverkehr erledigten ist mir nicht bekannt. In Uelzen waren damals u.a. Loks der Baureihen 50, 56.20, 92.5, und 94.5 sowie V20 stationiert. In den siebziger Jahren verkehrten hier dann Vt95.9 und Köf II sowie Dampflokomotiven der Baureihe 50 (letztere wahrscheinlich zur Rübensaison) - siehe die Buchfahrpläne. Übrigens gibt es auf der Webseite von K.D. Troeger unter dem Menüpunkt "Amerikalinie" weitere Kursbuchauszüge und Buchfahrpläne dieser Strecke. Die Kursbuchauszüge aus der Zeit vor 1945 ermöglichen auch einen interessanten Vergleich des Verkehrsaufkommens vor und nach dem Kriege. Züge in Richtung Nienbergen wurden von Schnega aus geschoben, da es ja in Nienbergen keinerlei Umsetzmöglichkeiten gab. Ein Diorama hätte also durchaus seinen Reiz, zumal es nicht soviel Platz benötigen würde und man sich beim Bau der Gebäude richtig im Detail austoben könnte. Und kostengünstig wäre es obendrein auch noch ...


So könnte ein Diorama von Nienbergen auf 2,90m x 0,35m aussehen. Die Reste des ehemaligen zweiten Gleises sollten mit angedeutet werden. Die Weiche ist eine 7° Weiche. Evtl. ein paar wenige Schuppen als Behelfsbauten beim Bahnsteig, die Ladestrasse mit den Silo und Lagergebäuden - fertig. Bild anklicken für eine größere Darstellung des Planes.


Das wahre "Landleben" scheint sich unmittelbar an der Ladestraße in Nienbergen abzuspielen. Dem bekannten
Zeichner Wolf-Rüdiger Marunde könnte Nienbergen durchaus als Szenerie für diesen Cartoon gedient haben?! Dank an Wolf- Rüdiger Marunde für das zeigen dürfen ...

Das Nienbergen Ag auch als Vorlage und Kulissee für Künstler gedient haben könnte, zeigt die obenstehende wundervolle Zeichnung von Wolf- Rüdiger Marunde, die ich hier dankenswerter Weise zeigen darf. Wer mehr von seinen wundervollen Karikaturen, Cartoons und Zeichnungen sehen möchte, den verweise ich sehr gern an seine umfangreiche Homepage weiter. Es lohnt sich! Es gäbe sicher noch vieles zu einem solchen quasi zeitgeschichtlichen Bahnhof zu sagen. Das haben aber andere schon viel besser gemacht und darum möchte ich auf die Webseiten von Klaus - Dieter Tröger aufmerksam machen, der sich nicht nur der Amerikalinie Uelzen - Salzwedel und der Bahnhöfe der Strecke angenommen hat, sondern noch manches andere (OHE und der T3) im Programm hat. Darunter auch ein kleines Kapitel speziell zum Bahnhof Nienbergen und zum Wiederaufbau dieser Strecke. Desweiteren gibt es auf den Webseiten der "Altmarkschiene" eine sehr detaillierte Beschreibung der Geschichte der Amerikalinie. Und auf das Buch von Ralf Roman Rossberg "Grenze über deutschen Schienen" vom EK Verlag in Freiburg möchte ich auch noch verweisen, ein Klassiker der Eisenbahnliteratur, welches die Auswirkungen der Zonengrenze zwischen den beiden deutschen Staaten auf die Eisenbahnen eindringlich schildert. Von Ralf Roman Rossberg stammt auch das schwarz- weiß Foto auf dieser Seite. Zwei weitere Bilder verdanke ich Axel Johanßen, die restlichen tollen und eindruckvollen Farbaufnahmen stammen von Günter Tscharn. Allen Fotografen ein dickes Danke Schön dafür das ich die Fotos hier zeigen darf!

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