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Die Anfänge der Lokalbahn

Als die Eisenbahn ins Fichtelgebirge Einzug erhielt, machte man sich auch in dem kleinen Städtchen Gefrees Hoffnungen auf einen Bahnanschluß. Wichtig war eine Bahnstrecke vor allem für die Wirtschaft in Gefrees, die sich von der Bahn Aufschwung erhoffte. Steine und Holz, aber auch Textilien, Düngemittel, Kohlen, Maschinen und anderes wollten transportiert werden. Und dann natürlich die Einwohner, die die neue Mobilität der Eisenbahn auch nicht missen wollten. Teilhabe am Fortschritt hieß die Devise. Am liebsten wäre es den Gefreesern sicher gewesen wenn die 1848 eröffnete Ludwigs Süd- Nord Bahn von Bamberg nach Hof direkt über Gefrees geführt hätte. Aber dies wäre nur mit zusätzlichen Steigungen der Hauptbahn möglich gewesen, lag doch Falls schon höher als Gefrees selber. Solche gewissermaßen verlorenen Steigungen kamen für die Hauptbahn jedoch nicht in Frage, sie hätten zu noch schwierigeren Betriebsverhältnissen und längeren Fahrzeit auf der Rampenstrecke geführt. Die "Schiefe Ebene" galt auch so nach ihrer Eröffnung 1848 als ein Meisterwerk der Eisenbahningenieure und forderte Maschine und Material alles an Leistung ab was in ihnen steckte.

DB Streckenkarte 1963

Östlich von Neuenmarkt- Wirsberg liegt die Lokalbahn, in der Übersichtskarte aus
dem DB Kursbuch von 1963 ist die Strecke noch eine von sieben ins Fichtelgebirge
führenden Nebenstrecken. Sammlung Englich

Als Ersatzlösung wurde für Gefrees der Bahnhof "Fals" (damals nur mit einem "l" geschrieben) eingerichtet. Jedoch lag die Station 5 Km vom Ort entfernt, dies war den Gefreeser Verantwortlichen auf die Dauer nicht genug, bedeutete dies doch Umstände und Verzögerungen beim Transport. In den fünfziger Jahren des vorletzten Jahrhunderts hoffte Gefrees eine Zeitlang auf eine Eisenbahnlinie Marktschorgast - Gefrees - Weißenstadt - Wunsiedel - Arzberg - Eger. Man befürwortete eine West - Ost Verbindung, entsprechend den Handelströmen der alten Handelsstrassen. 1868 schloß sich Gefrees dann dem „Verein zur Entstehung einer Eisenbahn nach Eger durch das Fichtelgebirge“ an, der eine weitere Nord-Süd-Bahn verhindern wollte. Als am 15. Mai 1878 dann die Strecke Hof - Kirchenlaibach - Nürnberg eröffnet wurde, waren aber diese Träume einer "Fichtelgebirgsbahn" verflogen. Ebenso gab es in den sechziger Jahren des vorletzten Jahrhunderts eine Zeitlang Bemühungen Bayreuths eine Strecke in nördlicher Richtung nach Hof bzw. Wunsiedel zu bauen, die dann auch Gefrees berührt hätte. Alle Bemühungen Teil einer wichtigeren Durchgangslinie zu werden aber scheiterten, zumal die Staatsregierung in Bayern der Ansicht war das alle wichtigen Bahnlinien gebaut worden waren, bzw. andere Planungen verfolgte. Auch das die Station "Fals" seit 1875 nunmehr "Falls = Gefrees" hieß änderte für die Gefreeser nichts an dem beklagenswertem Übel das sie weiterhin ohne direkten Gleisanschluß waren.

Eröffnung Juli 1902
Eröffnungsfeierlichkeiten in Gefrees am 5. Juli 1902,
Repro Sammlung Englich

Als 1884 das erste bayerische Lokalbahngesetz beschlossen wurde, keimten die Hoffnungen in Gefrees wieder auf. Nunmehr mußten die Gemeinden den für den Bahnbau nötigen Grund kostenlos zur Verfügung stellen. Allerdings sollten die Gemeinden auch keine weiteren Kosten des Bahnbaus tragen, dafür auch nicht an evtl. Einnahmeüberschüssen der jeweiligen Bahn beteiligt werden. Dieses Lokalbahngesetz war Grundlage zum Bau vieler Nebenbahnen in Bayern, wobei auf Einfachheit, in Bau und Betrieb höchster Wert gelegt wurde. So kam es auch zu den vielfach sehr ähnlich anmutenden Gleisanlagen und Gebäuden vieler Bahnen. Kostengründe dürften letztlich auch zum Bau der Trasse nach Falls geführt haben, den diese war doch recht kurz und ohne viele Kunstbauten und damit günstig zu bauen. Damals um 1900 gab es die Eisenbahn seit knapp 65 Jahren. Nicht jedoch in Gefrees. Was das für die Wirtschaft und die Menschen damals bedeutete, kann man sich heute nur vorstellen wenn man sich überlegt, wie es wäre über Jahre hinweg vom Autoverkehr abgekoppelt zu sein. Man hatte Angst von der Entwicklung abgehängt zu werden. Wirtschaftgüter nahmen neue Wege und ließen alte Handelsstrassen veröden. So kämpfte damals jeder Ort der auf sich hielt um Zugang zu dieser Transporttechnologie, die Aufschwung und Prosperität versprach. Gefrees kämpfte lange um seinen Bahnanschluß und hatte immer wieder nur das Nachsehen. Als endlich am 30. Juni 1900 die Lokalbahn vom Prinzregenten Luipold genehmigt wurde, war ein nahezu fünfzigjähriger Kampf um einen Bahnanschluß in Gefrees gewonnen worden. Bürgermeister Schwab aus Gefrees war dabei der Hauptinitiator gewesen, er schied nach erfolgter Baugenehmigung 1901 aus dem Amt.

Alter Zeitungsartikel zum Bahnbau 1901.
Verkündigung vom 20. März 1901 über den Fortschritt des Bahnbaus. Übersetzung :

Streitau, 20. März. Dem Bau der Lokalbahn von Falls = Gefrees über Streitau rücken wir immer näher und sprechen viele Anzeichen für den baldigen Beginn des Baues. In vergangener Woche wurde hinter dem Stationsgebäude zu Falls = Gefrees eine Waldparzelle von 14 Dezimalen durch den Eisenbahngeometer vermessen, auf welche ein 39 Meter langes Gebäude für Beamtendienstwohnungen hergestellt wird. In dieser Woche wird die Bahntrasse nach Gefrees vermessen und es wurden bereits von der kgl. Generaldirektion die Grunderwerbskosten im Betrage von 34700 Mark von der Stadtgemeinde Gefrees zur Zahlung bis 1. April cr. Eingefordert, wozu die Gemeinde Streitau einen Zuschuß von 3500 Mark bis zum selben Zeitpunkte beschaffen muß. An genanntem Tage wird voraussichtlich mit dem Bahnbau begonnen, so daß wir bald im Zeichen des geflügelten Rades stehen können. Da der Bahnbau in Regie ausgeführt werden soll, so bietet sich für viele Familien reichliche Arbeitsgelegenheit. Darum "Glück zu !"

Ab März 1901 wurden erste Vermessungsarbeiten durchgeführt, die Bauarbeiten begannen im Frühjahr desselben Jahres und waren im Frühjahr 1902 schon soweit abgeschlossen das ab dem 28. Februar 1902 ein erster Zug nach Gefrees fahren konnte. Je Kilometer wurden damals knapp 90.000 Mark ausgegeben, insgesamt 506.000 Mark. Die beteiligten Gemeinden übernahmen davon 37.700 Mark. Zum Verständnis der damaligen Kosten hier einige Preisbeispiele der damaligen Zeit der Jahrhundertwende. Um 1900 kostete 1 Kilo Butter 1,86 Mark, 1 Liter Milch 20 Pf., 1 Kilo Zucker 65 Pf. und 1 Kilo Kaffee weniger als 4 Mark. Der Preis für eine Halbe Bier betrug vor 1914 etwa 11 Pfennige in einer ländlichen Gastwirtschaft. Dagegen betrug der Monatslohn eines Münzarbeiters im Jahre 1906 ganze 92 Mark. Ein Zimmermannsgeselle erhielt 5,60 Mark am Tag. Der Reichskanzler bekam immerhin 4000 Mark im Monat. Soweit zur Relation der damaligen Kosten des Lokalbahnbaues. Wer sich mal in der Zeit des Kaiserreiches in seinen vielen Facetten umtun möchte, sei auf die Seiten des LeMO: Lebendiges virtuelles Museum Online hingewiesen.

Und nun zurück zur Lokalbahn. Die Strecke war kurze 5,33 km lang und wies eine max. Neigung von 1:43 auf (also auf 43 m Strecke 1 m Steigung). Die Trasse fiel von Falls nach Gefrees um netto ca. 48 m. Tiefster Punkt der Strecke ist der Ölschnitzgrund mit 483 m, Gefrees liegt auf 500 m Höhe, während Falls auf 548 m über N.N liegt. Die Bahn berührte nur drei Stationen in ihrem Verlauf : Falls, wo die Nebenbahn von der Strecke Neuenmarkt- Wirsberg - Hof abzweigt, Streitau, ein kleiner Unterwegshalt und dann eben Gefrees als Endbahnhof. Ein Viadukt über den Flußlauf Ölschnitz und eine Unterführung unter der Autobahn A9 bei Streitau (Eröffnung des A9 Teilstücks AK Schkeuditz – AS Bad Berneck im September 1936) - das war's auch schon mit baulichen Sonderheiten.

Eröffnung Juli 1902
Der erste Zug geführt von einer D XI ist in Gefrees eingetroffen...
Repro Sammlung Englich

Die Strecke war schon seit dem 1. Juni des Jahres für den provisorischen Güterverkehr geöffnet worden und wurde dann am 5. Juli 1902 offiziell eröffnet. Gefrees und auch Streitau begingen diesen Tag entsprechend festlich. In Gefrees wurde gleichzeitig auch noch ein neues Schulgebäude seiner Bestimmung übergeben, welches die Lokalbahn mittlerweile überlebt hat und es fand das traditionelle Wiesenfest statt, ein großer Festtag also. Ab dem 15. Juli 1902 wurde dann der planmäßige Betrieb aufgenommen. Auch nachdem die Strecke schon eröffnet war, versuchte man in Gefrees und Weißenstadt die Nebenbahn über das Granitabbaugebiet der "Reuth" weiter bis ins nur 10 km entfernte Weißenstadt in östlicher Richtung zu verlängern, aber diese Hoffnungen zerschlugen sich letztlich, da erhebliche Steigungen dem Bahnbau im Wege standen. Die benachbarte Nebenbahn von Münchberg nach Zell wurde übrigens nur 3 Monate nach der Gefreeser Bahn eröffnet. Die beiden Strecken wiesen denn auch u.a. große Ähnlichkeiten bei den Bahnbauten auf. Eine Broschüre zur Strecke Münchberg - Zell kann man meines Wissens nach weiterhin über den MEC Münchberg beziehen. Eine kurze Streckengeschichte ist dort auch zu sehen.

Allererste Fahrkarten Die allerersten Fahrkarten vom 15. Juli 1902 als die Strecke planmäßig für den Personenverkehr in Betrieb genommen wurde. Interessant sich die Kartenpreise mal genauer anzuschauen. Einfache Arbeiter mußten sich schon überlegen ob sie die Bahn benutzen wollten. Eine einfache Fahrt 2. Klasse kostete zwischen Falls und Gefrees in etwa soviel wie drei Halbe Bier...

Repro Sammlung Englich

Zwar kostengünstig gebaut wie es nun einmal auf Lokalbahnen bei der K.Bay.Sts.B. üblich war, der Topographie und den geringen Baukosten geschuldet dafür aber auch mit großen Steigungen der Strecke. Und einer Streckenführung die den Gefreesern zwar den direkten Anschluß an die weite Welt bot, aber den Verkehrsströmen der Gegend um Gefrees selber nicht sonderlich gerecht wurde. Vielleicht wäre den Gefreesern ein direkter Bahnanschluß nach Münchberg, Berneck oder Bayreuth lieber gewesen. Nach Neuenmark- Wirsberg war die Verbindung zwar gut, nur bestand kaum ein Bedürfnis für eine solche Verbindung. Aber solche Kompromisse hatten viele Orte damals einzugehen wenn sie einen Bahnanschluß überhaupt bekommen wollten. Letztlich war man froh es geschafft zu haben und nun "im Zeichen des geflügelten Rades zu stehen."

So entstand eine der kürzesten und steigungsreichsten Nebenstrecken in Oberfranken. Beschaulich aber kurz war eine Fahrt mit Tempo 40 durch Wiesen, Äcker und an Wäldern entlang, immer den Schneeberg und Ochsenkopf im Blick, die beherrschenden Berge der Gegend. An jedem Bahnübergang wurde geläutet und gepfiffen, die Bahnübergänge waren technisch - bis zuletzt - nicht gesichert, nur Andreaskreuze dienten der Warnung. Damals modern, später mehr und mehr einem Freilichtmuseum gleichend je mehr es der Stillegung entgegenging, war ihr Ende absehbar und auch mit etwas Wehmut verbunden...

Streckenkarte
Streckenverlauf der Lokalbahn

Wer noch etwas genaueres über die Eisenbahnhistorie des Fichtelgebirges wissen möchte, dem empfehle ich unter anderem folgende zwei Webseiten aus der Region, die man besuchen sollte...
Zum einen das
Fichtelgebirgsmuseum in Wunsiedel, zum anderen die Seiten des Deutschen Dampflokmuseums in Neuenmarkt- Wirsberg, darin auch ein interessanter Artikel zur Geschichte der "Schiefen Ebene", ein bemerkenswerter Bau der Eisenbahntechnik zwischen den Orten Neuenmarkt- Wirsberg und Marktschorgast - nur 10 Jahre nachdem in Deutschland die erste Eisenbahn fuhr.

Weiter geht es im nächsten Teil: Der Bahnhof Falls

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